Landwirtschaft erschließt das Ruhrtal

Aus Ruhrwiki

Wechseln zu: Navigation, Suche
Siepenmündungsgebiet. Unsere Vorfahren haben in den unwirtlichen Flusstälern auf Hochwasser geschützten Flächen gesiedelt. Wie im Bild zu erkennen, ist es hier der hohe Schotterrücken eines Baches, der sich talabwärts, am Ende des Siepen bilden konnte. Foto: 1989. Standort: Rechte Ruhrseite bei Hattingen-Baak, Fährstr.

Bis zur Zeitenwende blieben offenbar die vom Buschwerk wild überwucherten Ruhrauen von der Landwirtschaft unberührt. Obwohl auf den Ruhrhöhen seit längerem Bauern siedelten, gehörte das Tal immer noch den Fischern, Jägern und Sammlern.

Eine Ausnahme bestand am Flussunterlauf, hier war militärisches Aufmarschgebiet für die linksrheinisch stationierten römischen Truppen. Viele archäologische Funde aus dem Duisburger Raum und besonders die, die in den letzten Jahren zu Tage kamen bestätigen, dass im Mündungsgebiet der Ruhr mindestens seit dem 2./3. Jahrhundert eine dauerhafte Siedlung bestand. Für die relativ späte Bodenbewirtschaftung im mittleren Ruhrtal gibt es einige Gründe. Zum einen, das mittlere Ruhrtal war besonders schroff und von Trümmern des zutage ausstreichenden Karbongebirges überdeckt. Dann die häufig unbeständige mäandrierende Form des Flussbettes. Ein weiteres Hindernis war das Hochwasser der Ruhr, welches damals ungehinderter als heute mindestens zweimal im Jahr den Talboden überflutete.i Denn im regenreichen Ruhreinzugsgebiet fällt im Frühjahr und im Herbst so viel Niederschlag, dass über Nacht der Wasserabfluss der Ruhr von 80 m3/s im Mittelwert auf 2000 m3/s steigen kann. Nach derartigen Flutwellen wird das Flussbett stets einen anderen Verlauf genommen haben. Die bis ins 8. Jahrhundert anhaltenden Germanischen Völkerwanderungen führten zu einer drastischen Verschlechterung der Wirtschaftslage und zwangen zu einer umfassenderen Feldbestellung. Da in den Altsiedlungsgebieten aller Boden vergeben war, musste auch das raueste Stück Boden urbanisiert werden. Der Vormarsch zum Talboden begann zunächst an den Rändern auf den von Hochwasser geschützten Flächen. Dazu zählten die eiszeitlichen Mittelterrassen an den Talhängen und die überhöhten Sedimentkegel im Mündungsbereich der Nebenflüsse, am Ende der Siepen. Kein Neusiedler konnte damals einfach ungenutzten Boden bewirtschaften. Jeglicher Boden, auch das unbewohnte Tal hatte einen Besitzer. Der Rodungsauftrag ging unumgänglich immer vom Adel, von Stiften und Klöstern aus. Anhand von Urkunden der Abtei Werden ist zu erkennen, dass um die Wende vom 7. zum 8. Jahrhundert die agrarische Nutzung des Talboden begann.

Seit Gründung der Werdener Abtei, 18.1.799, und des Kanonissenstiftes Essen, etwa Mitte des 9. Jahrhunderts, bekommen wir die ersten schriftlichen Informationen über Aktivitäten der Siedler und über die Entfaltung der Vegetation zwischen Ruhr und Lippe. Sie sind in Schenkungsurkunden und Handbüchern des Klosters Werden und des Stiftes Essen zu finden.

In einer Urkunde aus dem Jahre 799 ist zum Beispiel vermerkt, Liudger, der Klostergründer erwarb Land am Nordufer der unteren Ruhr in einem noch wenig erschlossenen Waldgebiet. Außerdem erfahren wir aus einem weiteren Vermerk, dass in den Wäldern vorwiegend Buchen wuchsen.ii Eine andere Anmerkung weist darauf hin, dass im Umfeld des Klosters schon weit vor dem 8. Jahrhundert Bauern ansässig waren, überwiegend an der Unterruhr zwischen Ikten und Heisingen. Daraus kann gefolgert werden, dass das Ruhrtal bereits Generationen vor der Klostergründung Bauernland war. Auch das Handwerk fand allmählich den Zugang ins Ruhrtal. Denn neben den Getreidemühlen begann jetzt der technische Fortschritt in der Landwirtschaft. Vermehrt kamen Axt und Säge zum Einsatz.

Bei den Ackergeräten war es die Egge mit Eisenstiften. Nach und nach setzte es sich durch, die Hufe der Pferde mit Eisen zu beschlagen. In Folge solcher Veränderungen zogen Metallhandwerker ins Ruhrtal. Sie gründeten viele kleine Werkstätten. Dazu gehörten Hammerwerke, die für den Antrieb ihrer Arbeitsgeräte die Wasserkraft des Flusses nutzten. An vielen Stellen entlang der Ruhr musste deshalb für Handwerksbetriebe, wie für die Mühlen, das Wasser gestaut und kanalisiert werden, damit jederzeit ausreichende Wasserkraft den Betrieben zur Verfügung stand. Verstärkt entstanden Staudämme, Wehre und Kanäle. Mit derartigen Veränderungen am und im Flussbett verlor ab dieser Zeit das Tal sein ursprüngliches Aussehen. Im Ruhrland beginnt jetzt ein gemeinsamer, aber nicht immer einträchtiger Weg von Natur und Gewerbe, wobei die pure unvermischte Landschaft häufig der Verlierer war. Eine Tatsache, die von Historikern und Biologen am Untersuchungsprojekt der Industriebrache “Henrichshütte Hattingen“ in der Beitragssammlung "Eine Grüne Geschichte" so bescheinigt wird: Heute ist offensichtlich, dass sich die Kultur der industrialisierten Welt auf Kosten der Natur entwickelt hat.

Liter: Stift und Stadt Essen -"Coenobium Astnide" und Siedlungsentwicklung bis 1244-, Quellen und Studien, Bd. 2, 1988. Bettecken, W. u. a.
Liter: Die Urbare der Abtei Werden a.d. Ruhr, 1950. Hrsg: Körholz, F. 
Liter: Über allem thronte der Horkenstein, Heimatkundliche Beiträge aus den Bochumer Stadtteilen Volkshochschule Bochum.  
Hrsg: Gantenberg, W. E.; Wührl, E.
Liter: Geschichte des Kreises Hattingen, Hattingen 1909. Darpe
Liter: Wie unser Ruhrgebiet wurde, Bd. 1, Berlin 1936. Spethmann, H.